PRAXIS FÜR PAARTHERAPIE
& SEXUALTHERAPIE
SANDRA SCHUBERT
Heilpraktikerin für Psychotherapie

Desorganisierter Bindungsstil: zwischen Nähe und Flucht

Person steht am Fenster und blickt nach draußen – innerer Konflikt zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Impuls zu gehen

Der desorganisierte Bindungsstil

Ein desorganisierter Bindungsstil beschreibt ein Muster, bei dem Nähe gleichzeitig gesucht und gefürchtet wird. Betroffene nähern sich an und stoßen ihr Gegenüber im nächsten Moment weg, oft ohne erkennbaren Auslöser. Das Muster entsteht meist dort, wo die wichtigste Bezugsperson in der Kindheit zugleich Quelle von Trost und von Angst war. Es ist das seltenste der vier Bindungsmuster und das, bei dem professionelle Begleitung am deutlichsten helfen kann.

Von allen Bindungsmustern ist dieses für beide Seiten am schwersten zu ertragen. Wer desorganisiert gebunden ist, erlebt die eigenen Reaktionen oft als unlogisch. Und der Partner steht vor einem Verhalten, das sich mit gesundem Menschenverstand nicht erklären lässt.

Menschen mit desorganisiertem Bindungsstil sind meiner Beobachtung nach oft sehr einfühlsam, loyal und liebevoll- aber sie kämpfen mit ihren eigenen inneren Widersprüchen. Sie sehnen sich nach Stabilität, fühlen sich aber gleichzeitig unwohl, wenn sie sie erleben. 

 

Was dahintersteckt

Die anderen drei Bindungsstile sind Strategien. Der ängstliche sucht Nähe, der vermeidende schafft Abstand, der sichere kann beides. Jede dieser Strategien ist in sich stimmig.

Der desorganisierte Stil ist keine Strategie, sondern deren Zusammenbruch. Er entsteht dort, wo das Kind vor einem unlösbaren Problem steht: Die Person, zu der es bei Angst laufen müsste, ist selbst die Quelle der Angst. Es gibt keine Bewegung, die funktioniert –  also entsteht eine widersprüchliche.

Das erklärt, warum das Verhalten von außen so unberechenbar wirkt. Es ist der sichtbare Ausdruck zweier gleich starker, entgegengesetzter Impulse.

 

Woran sich der desorganisierte Bindungsstil erkennen lässt

Es finden schnelle Wechsel zwischen intensiver Nähe und abruptem Rückzug, oft innerhalb von Stunden bei den Betroffenen statt. Keiner kann diese vorhersehen, nicht einmal die Person selbst.

Reaktionen auf kleine Anlässe sind übermäßig stark und hinterher selbst unverständlich.

Die Person hat das Gefühl, sich selbst im Weg zu stehen.

Schwierigkeiten, anderen dauerhaft zu vertrauen, auch wenn nichts vorgefallen ist, kann ebenfalls ein Indiz für den desorganisierten Bindungsstil sein.

Manchmal gehören auch Beziehungen zu dieser Art von Bindungsstil, die intensiv beginnen und plötzlich ohne erkennbaren Grund oder Ereignis enden, weil einer von beiden die Reißleine zieht. 

Der deutlichste Hinweis auf eine ambivalente Haltung und damit dem desorganisierten Bindungsstil sind häufig eine große Sehnsucht nach Nähe und gleichzeitig eine große Angst davor.

Wichtig ist die Abgrenzung: Ein einzelner ambivalenter Moment bedeutet noch gar nichts. Relevant wird das Muster erst durch die Wiederholung über Jahre und/ oder über verschiedene Beziehungen hinweg.

Eine kleine Szene aus meiner Praxis für Paartherapie soll euch so ein Verhalten verdeutlichen: Eine Klientin, nennen wir sie Anna, sitzt auf der vorderen Stuhlkante mit nervös verschränkten Händen und Beinen. Ein kleines Knäuel aus Frust. Immer wieder sucht sie den Blick von Daniel. “Ich habe einfach Angst, dass du mich verlässt”, sagt sie mit zitternder und weinerlicher Stimme. Daniel schaut sie liebevoll an und wendet sich ihr vorsichtig zu. “Nein, lass mich, du verstehst mich sowieso nicht!” Daniel seufzt, verschränkt die Arme und blickt zu Boden. “Egal was ich mache, es ist falsch, “ murmelt er. Anna beginnt zu weinen, streckt kurz die Hand nach ihm aus und zieht sie sofort wieder zurück. “Ich will, dass du mich hältst, aber ich kann dir einfach nicht vertrauen.” Daniel wirkt überfordert und rutscht weiter in seinen Stuhl hinein, so als ob er Sicherheit suchen würde. So in etwa könnte eine reale Szene ablaufen. Immer und immer wieder. 

 

Was es in der Partnerschaft auslöst

Der Partner erlebt zwei unterschiedliche Menschen, manchmal so stark, dass es wie eine multiple Persönlichkeit wirkt. In den nahen Phasen ist die Beziehung intensiv und offen, der Partner zeigt deutlich seine Liebe. Dann kippt es plötzlich und unvorhersehbar, und dieselbe Nähe wird zum Problem.

Die verbreitetste Fehldeutung ist dann, dass der Partner den Rückzug persönlich nimmt und nach dem vermeintlichen Fehler, den er gemacht hat, bei sich sucht. Meistens gab es keinen. Der Auslöser war die Nähe selbst.

Die zweite Fehldeutung ist gefährlicher: Der Partner beginnt, sein eigenes Verhalten immer weiter anzupassen, um die nahen Phasen zu verlängern. Damit verliert er seine eigenen Grenzen – und das macht die Sache für beide schlechter, denn zusätzlich kann es hier sein, dass der desorganisiert Gebundene nun auch noch den Respekt für sein Gegenüber verliert. Er hat das Gefühl, den anderen manipulieren zu können, der andere fühlt sich für ihn wie ein Fähnchen im Wind an und das sorgt für weitere Verunsicherung. Schwer zu ertragen und auch schwer nachzuvollziehen für den anderen Partner. Er tut doch alles was möglich ist. Und genau das ist das Problem.

 

Was hilft

Das Muster benennen, ohne es zur Diagnose zu machen. Ein Bindungsstil ist keine Störung. Die Unterscheidung ist wichtig, weil sie über Scham entscheidet.

Verlässlichkeit statt Intensität. Was bei diesem Muster wirkt, ist nicht große Nähe, sondern kleine, wiederholte Berechenbarkeit. Derselbe Ablauf, dieselben Absprachen, dieselbe Reaktion –  auch dann, wenn zurückgestoßen wird.

Die Rückzugsphasen nicht auflösen wollen. Wer in diesen Phasen nachsetzt, bestätigt die Angst. Wer abwartet und erreichbar bleibt, ohne zu drängen, macht die neue Erfahrung möglich.

Eigene Grenzen halten. Für den Partner ist das der schwerste und wichtigste Punkt. Wer sich selbst aufgibt, um jemanden zu halten, hilft ihm nicht.

Ich kann euch hier nur empfehlen, therapeutische Schritte zu gehen, indem ihr Sicherheit schrittweise erfahrbar macht, mit Hilfe eines Paartherapeuten oder Psychotherapeuten. Lernt Gefühle zu spüren und zu benennen und ihr könnt Zuhause üben, Überforderungen rechtzeitig zu erkennen, um dann neue Formen des Kontakts zu erproben, ohne dass Nähe erzwungen sein muss. Im Nachhinein kann ich euch dann meinen Onlinekurs zur Paartherapie empfehlen. Der HerzschrittMACHER Kurs bringt euch wieder näher und zeigt euch, wie ihr wieder eine liebevolle gemeinsame Zukunft aufbauen könnt. Schritt für Schritt.

 

Wann professionelle Begleitung sinnvoll ist

Bei diesem Muster früher als bei den anderen. Nicht, weil es schlimmer wäre, sondern weil die Selbsthilfe-Ansätze hier am schnellsten an Grenzen kommen: Beide Seiten geraten in einen Kreislauf, den sie von innen schwer sehen können.

Steht hinter dem Muster eine belastende Vorerfahrung, ist zusätzlich eine Einzeltherapie sinnvoll. Paartherapie kann viel, aber sie ersetzt keine Traumabehandlung – und ich sage das offen im Erstgespräch, wenn ich den Eindruck habe, dass es darum geht. Manchmal kann man neben der inneren Begleitung und Veränderung auch ganz pragmatisch auf das außen schauen: Vielleicht helfen hier getrennte Wohnräume oder getrennte Wohnungen. Zumindest bis die Therapie anschlägt. Das ist zwar oft nicht das, was sich die Paare vorstellen, aber hierüber lassen sich innere Ambivalenzen oft ganz gut ausbalancieren. Jedenfalls besser, als eine Trennung. 

 

FAQ

Was ist ein desorganisierter Bindungsstil? Ein Muster, bei dem Nähe gleichzeitig gesucht und gefürchtet wird. Betroffene nähern sich an und stoßen im nächsten Moment weg. Es ist das seltenste der vier Bindungsmuster und entsteht meist dort, wo die Bezugsperson zugleich Trost und Angst bedeutete.

Wie unterscheidet er sich vom ängstlichen Bindungsstil? Der ängstliche Stil ist eine in sich stimmige Strategie: Nähe suchen, um Anspannung zu senken. Der desorganisierte Stil ist der Zusammenbruch einer Strategie –  zwei entgegengesetzte Impulse wirken gleichzeitig.

Ist ein desorganisierter Bindungsstil behandelbar? Ja. Wirksam sind wiederholte Erfahrungen von Verlässlichkeit, nicht von Intensität. Wenn belastende Vorerfahrungen dahinterstehen, ist zusätzlich eine Einzeltherapie sinnvoll.

Wie soll ich als Partner damit umgehen? Auf jeden Fall berechenbar bleiben, in Rückzugsphasen nicht nachsetzen, erreichbar bleiben, ohne zu drängen –  und die eigenen Grenzen halten. Wer sich selbst aufgibt, hilft nicht.

 

Wenn ihr euch in diesem Wechsel wiedererkennt: Im Erstgespräch klären wir, was bei euch dahintersteht und was der nächste sinnvolle Schritt ist. Meldet euch gerne in meiner Praxis für Paartherapie und Sexualtherapie in der Nähe von Nürnberg, Fürth, Schwabach und Zirndorf.

WEITERLESEN: Bindungsstile im Überblick · Vermeidender Bindungsstil · Ängstlicher Bindungsstil · Was kostet eine Paartherapie?

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